Fritz Langs Film M und die Kriminalistik der Weimarer Republik


Vorwort
Der folgende Text ist das Skript einer die Berlinale 2001 begleitenden Radiosendung auf SFB – radio kultur vom 5. Februar 2001 von Heike Klapdor. Die Berlinale 2001 hatte ihre Retrospektive dem Regisseur Fritz Lang gewidmet, der bis heute durch Filme wie METROPOLISDR. MABUSEDIE NIBELUNGEN oder M maßgebend ist. Heike Klapdor ist, in Zusammenarbeit mit Wolfgang Jacobsen, Herausgeberin der Zeitschrift Filmexil, die bei edition text&kritik in München erscheint.

 

M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Regie: Fritz Lang. D 1931.

 

Angst

Angst intoniert den Beginn des Films, Todesangst, Angst um das Leben der Kinder, das bedroht ist von einer vorhandenen, aber nicht beherrschten, einer verdeckten Gefahr: einem unbekannten, nicht identifizierten Täter, dessen mörderischem Trieb Mädchen zum Opfer gefallen sind. Dass die Mutter die kleine Else nicht lebendig wieder sehen wird, weiss der Zuschauer auch schon aus der Anfangssequenz des Films: der Ball des Kindes rollt aus dem Gebüsch, der Luftballon, den der Mörder dem Kind gekauft hatte, steigt wie die Seele in den Himmel und bleibt an einer Überlandleitung hängen.

Fritz Langs Film M - EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER inszeniert die Aufklärung eines Mordfalls in einem Klima kollektiver Angst und Hysterie. Das Psychogramm der Großstadt verschränkt sich mörderisch mit dem Psychogramm des Verbrechers, dessen psychopathologisches Handeln sich offenliegender Kausalität entzieht, mysteriös bleibt und darum zur omnipotenten Bedrohung wird. Als Topos der Moderne stellt der Film die Großstadt unter den Verdacht der elementaren Destruktion.

Mit dem Blick auf die Psychopathologie des Verbrechens, auf eine Dynamik, in der sich der Wahnsinn des Täters und die Hysterie der Masse unheilvoll verschränken, steht M in einer Kontinuität von Fritz Langs filmischem Werk. Der Regisseur verfolgte dieses Thema zwischen 1920 und 1960 von den Weimarer Filmen wie DR. MABUSE und METROPOLIS bis zu den amerikanischen Filmen wie FURY oder MAN HUNT. Lang entwickelte dabei seine Filme stilistisch vom Expressionismus über den Realismus der Neuen Sachlichkeit bis zur Ästhetik des film noir. Fritz Langs Lesart des Asozialen war zugleich nüchtern und mythisierend, analytisch und dämonisierend. Der Schlüssel dafür liegt in Fritz Langs Wirklichkeitsbegriff, in den „Wundern unseres Alltags. (...) So ist das Leben.“ Die Realität des Phantastischen und das Phantastische der Realität - der Blick des Regisseurs ist ein romantischer. Wie um die Existenz des Schrecklichen im Gewöhnlichen zu beweisen, charakterisiert Fritz Lang seinen Film M 1931 anlässlich der Uraufführung als „Tatsachenbericht“: „Es schien mir nun richtig, dem Lebensrhythmus unserer Tage, der Sachlichkeit der Zeitepoche, durch die wir hindurchgehen, zu entsprechen und einen Film rein auf Tatsachenberichte aufzubauen.“ Den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Films M bilden die Prozesse gegen Massenmörder wie 1924 in Hannover gegen Fritz Haarmann oder 1929 in Düsseldorf gegen Peter Kürten. Diese Mordprozesse fanden jeweils in einem Klima der Volkspsychose statt, zu der nicht zuletzt die hilflosen kriminalpolizeilichen Recherchen beigetragen hatten. Am Ende der Prozesse hatte die Justiz den Typus des kleinbürgerlichen Biedermanns als destruktiven Trieben ausgelieferter Kreatur entdeckt.

Fritz Lang hat immer betont, die Basis, den Stoff seiner Filme der Wirklichkeit, entnommen zu haben. Auch im Falle von M beruft sich der Regisseur auf Presseberichte: „Nimmt man sich die Mühe, über einen großen Mordfall der letzten Jahre, wie zum Beispiel den grauenhaften Doppelmord an den Geschwistern Fehse in Breslau oder den Fall Husmann, oder den Fall der kleinen Hilde Zäpernick, drei noch heute unaufgeklärte Kriminalfälle, nachträglich die Berichte der Zeitungen genau durchzulesen, so wird man in den meisten Fällen eine sonderbare Übereinstimmung der Geschehnisse finden, eine fast gesetzmäßig sich wiederholende Erscheinung der Begleitumstände, wie die entsetzliche Angstpsychose der Bevölkerung, die Selbstbezichtigung geistig Minderwertiger, Denunziationen, in denen sich der Hass und die ganze Eifersucht, die sich im jahrelangen Nebeneinanderleben aufgespeichert hat, zu entladen scheinen, Versuche zur Irreführung der Kriminalpolizei teils aus böswilligen Motiven, teils aus Übereifer.“

Aber Fritz Lang hat mehr getan als Stoff und Basis aus der Presse zu entnehmen, M ist der Film eines Rechercheurs und die filmische Fiktion hat bis ins Detail, bis in die Diktion dokumentarischen Charakter.

 

Razzia

 Razzia in einer Kaschemme des einschlägigen kriminellen Milieus. Man begrüßt sich vertraut, wie Familienangehörige. Die Figur des ermittelnden Kriminalkommissars Karl Lohmann, gespielt von Otto Wernicke, ist schwergewichtig, jovial, patriarchalisch - autoritär. Lohmann qualmt pausenlos Zigarre, vertilgt in seinem Büro ordinäre Butterbrote eher, als dass er sie äße, er stellt seine massige Statur - fast denunziert durch Kamera-Untersicht - ebenso provozierend heraus wie er seinen proletarischen Berliner Dialekt betont. Fritz Langs Figur ist das genaue Porträt des zu seiner Zeit schon legendären Berliner Kriminalkommissars Ernst Gennat. Seiner Körperfülle wegen „Buddha“ genannt, bekannt für seinen Mutterwitz und seinen psychologischen Spürsinn, genoss Gennat den Respekt der Ganoven, die in seinen Augen immer in der Familie blieben: „Ick fang se, men Bruda verknackt se und Vadder sperrt se inn.“ Gennats Vater nämlich arbeitete als Oberinspektor im Strafgefängnis Plötzensee und sein Bruder war Staatsanwalt. Die Klientel wußte, wenn man ins Gennatsche Verhör geriet, gab‘s auf jeden Fall Würstchen oder Kuchen, der „Buddha“ ließ seine Delinquenten nicht hungern.

Der populäre 3-Zentner-Mann war aber vor allem Jurist, auf dessen Initiative und Erfolge die Modernisierung der Weimarer kriminalpolizeilichen Arbeitsmethoden zurückging. Gennat hatte erkannt, dass die Öffentlichkeit nur durch Ermittlungserfolge beruhigt und dass Ermittlungserfolge nur durch eine systematische und moderne Effektivierung der kriminalpolizeilichen Arbeit erreicht werden konnten: „Erfolge und Mißerfolge (bilden) gerade auf dem Gebiet der Bearbeitung von Kapitalverbrechen erfahrungsgemäß für die Presse einen Maßstab zur Beurteilung der Qualität kriminalpolizeilicher Arbeit.“

Mangelnde Zusammenarbeit unzureichend ausgebildeter Beamter und Dienststellen, fehlende Systematisierung von Ermittlungsergebnissen und unsachgemäße Methoden führten auf Gennats Initiative hin 1926 zur Gründung der Abteilung Mordinspektion, abgekürzt: Kriminalgruppe M. Ihre Mitarbeiter mussten als Kriminalisten über Spezialkenntnisse ebenso verfügen, wie sie sich durch kritische Urteilsfähigkeit und Verantwortungsgefühl auszuzeichnen hatten: „Wie ein Spezialarzt in erster Linie ein tüchtiger Allgemeinarzt sein muß, um auf seinem Spezialgebiet etwas leisten zu können, muß auch der Kriminalbeamte von Todesermittlungssachen das Gesamtgebiet der Kriminalistik beherrschen. [...] Wer den Beruf des Kriminalisten voll und ganz ausfüllen will, muß Neigung und Eignung besitzen. [...] Er muß Freude an seinem Beruf [...] und jenen gesunden – sozusagen sportlichen – Ehrgeiz besitzen, der ihn zu Höchstleistungen anspornt und befähigt. [...] Es ist einleuchtend, dass die Durcharbeitung eines so ungeheuren Materials an den leitenden Kriminalisten schon allein in rein physischer Beziehung außerordentliche Anforderungen stellt. Zwischen Hoffnung und Enttäuschung schwankt er ständig hin und her. Und dennoch! Wenn sich auch die tausendste Spur, auf die er große Hoffnung gesetzt hat, als falsch erweist – er muß immer wieder die körperliche und psychische Elastizität aufbringen, um mit frischem Mut an die Verfolgung der Spur 1001 zu gehen.“

 

Dialog

 Im Dialog des Polizeipräsidenten mit dem Minister inszeniert Fritz Lang in M die Aufklärung eines Mordfalles als politische Krise. Auch Gennat hatte im Falle von Massenmorden ein Klima öffentlicher Psychose wahrgenommen, wenn er festhielt, dass „solche Täter unter Umständen eine ganze Großstadt geradezu terrorisieren [können]: man denke nur an die seinerzeit durch Kürten in Düsseldorf verübten Sexualverbrechen“. Der Furor des Rasterns trieb den Kriminalrat Gennat in seinem Vorhaben, Kapitalverbrechen schnell und überzeugend aufklären zu können, an. Nach seinen Plänen hatte Daimler-Benz einen großen, schwarzen „Spezialwagen - vulgär: Mordauto“ angefertigt, in dem alle für die Ermittlung benötigten Utensilien untergebracht waren: „Zwei im Innern des Wagens [...] angebrachte, versenkbare Tische ermöglichen seine Benutzung als behelfsmäßiges Büro. [...] Kartenmaterial, [...] ausreichende Beleuchtung, Scheinwerfer, [...] Photomaterial, [...] Schrittmesser, Schublehre, Zollstöcke, [...] Äxte, Diamantschneider, große Spaten, [...] [und] zur Aufbewahrung von Beweisstücken geeignete Deckelgläser, Kartons oder Flaschen dienen der Spurensicherung am Tatort.“ Der Stammplatz des fast 3 Zentner schweren Ernst Gennat war mit verstärkten Federn versehen.

In Fritz Langs Film wird Gennats empirische Kriminologie übersetzt in dokumentarische Szenen kriminalpolizeilicher Recherche: Projektoren werfen einen überdimensionalen Fingerabdruck an die Wand, in dessen Schatten der Analytiker die Linien vermisst, Zirkel umreißen auf dem Stadtplan konzentrische Kreise um den Tatort. Gennats Hauptanliegen aber war eine Zentralkartei für Mordsachen, denn der Kriminalist ging aus von der „weitgehenden Ähnlichkeit der Tatbestände in Tötungsfällen: Ihr Material entnimmt die Kartei in erster Linie den amtlichen Fahndungsblättern. Im übrigen kommen Funksprüche, Plakate, Akten, unter Umständen auch Zeitungsausschnitte in Frage. [...] Die Zentralkartei prüft [...], ob Straftaten gleicher oder ähnlicher Art registriert sind, die auf denselben Täter hindeuten. Die Straftatenkartei unterscheidet die einzelnen Fälle in erster Linie nach dem Motiv. [...] Sie registriert Tatort, Art der Tötung, Waffe, Opfer und führt sämtliche Tatortermittlungen an. [...] Damit ist die Möglichkeit gegeben, noch nach Jahren die Einzelheiten jedes Falles in kürzester Zeit festzustellen.“

 

Zentralkartei

Gennats Idee einer Zentralkartei ist die Idee von der Ordnung des Wahns. Eines Wahns, der den Triebtäter für Außenstehende nicht erkennbar beherrscht und der dennoch einer psychopathischen Logik gehorcht: „Im allgemeinen macht der Lustmörder den Eindruck eines durchaus harmlosen, gutmütigen Menschen, dem niemand solche Tat zutrauen würde. So erklärt sich auch, dass derartige Verbrecher ihr Treiben vielfach jahrelang fortsetzen können.“

Gennats Zentralkartei ist zugleich der Wahn einer Ordnung hunderter einzelner Fälle. Indem Gennat jeden Einzelfall systematisch auszuwerten gedachte, glaubte er, einem Wiederholungstäter auf die Spur kommen zu können. In Langs Film wird Gennats Idee der Zentralkartei von Lohmann in einer Expertenrunde entwickelt, die verzweifelt nach Lösungen sucht:

Lohmann soll in der Logik der Idee recht behalten. Als einer seiner Ermittler ihm von Beckerts, des Mörders, Wohnungsdurchsuchung berichtet, fällt Lohmann das Entscheidende ein:

Gennat wusste, dass er in der Ordnung des Wahns auf alle Möglichkeiten setzen musste, zum Beispiel auf „moderne Werbepropaganda: die Tagespresse, Plakate, Handzettel, Rundfunkbekanntmachungen, so genannte Kinosteckbriefe – alles das sind Mittel zur Erreichung jenes Zwecks.“ Auch Fritz Lang inszeniert in seinem Film die Mitwirkung der Öffentlichkeit, um sie aber zugleich zu destruieren: über das Fahndungsplakat auf einer Litfaßsäule schiebt sich der Schattenriss des Täters, der vor dem Täterprofil des Steckbriefes sein Opfer anspricht.

 

Publikum

Die „Mitwirkung des Publikums“ war in der kriminalistischen Praxis für Gennat unverzichtbar und dennoch als „subjektive Befunde“ mit Vorsicht zu betrachten: „[Sie] führt in einer großen Zahl von Fällen zum Erfolg. [Aber] ein nicht unbeträchtlicher Teil der gegebenen Hinweise ist bewußt oder unbewußt irreführend und falsch. [...] In der Mordsache Kürten gingen insgesamt etwa 10 000 Hinweise ein, von denen nur ganz wenige – übrigens auch nur bedingt – brauchbar waren.“ Auch in der Expertenrunde des Films wird vorgeschlagen, das Publikum zur Mitarbeit zu veranlassen, Gennats Skepsis wird in Lohmanns Mund zur Idiosynkrasie:

Die filmische Inszenierung gibt Lohmann recht: Die „Zeugenvernehmung No. 1 478 - Mordsache Beckmann“ ist eine Karikatur verbürgbarer Wahrnehmung:

In Fritz Langs M wird der Mörder gefasst. Atemberaubend wechseln die Perspektiven des Films an seinem Ende. Nach einem erschütternden Monolog des Täters, der erstmals die Innensicht frei gibt auf eine bemitleidenswerte, von ihren Trieben gequälte Kreatur, der der Schauspieler Peter Lorre damit ein prototypisches Gesicht gab, nach diesem Auftritt geht der Mörder in die Hände der Polizei über, die ihn im letzten Augenblick vor der Lynchjustiz der fanatisierten Unterwelt rettet und ihn dem Gericht überstellt, das den Mörder „im Namen des Volkes“ verurteilen wird. Die Perspektive der Justiz erscheint nur kurz und stilisiert, auf sie folgt die der Mütter, die den Bogen zurückschlägt zum Beginn des Films. Parzen gleich, blicken drei schwarz gekleidete, trauernde Frauen starr in die Kamera:

In der Hilflosigkeit dieses Satzes steckt ein Schlüsselwort der Epoche: Prävention. Gennats Arbeitsweise entsprang dem Leitgedanken: „Verbrechen verhüten ist besser, als bereits begangene Verbrechen aufzuklären. [...] Die Fälle Haarmann, Kürten, Grossmann, Schumann [...] lassen ja geradezu zwangsläufig die Frage entstehen: Wie hätten diesen Taten, oder zumindest einzelne von ihnen, verhindert werden können?“

 

Prävention

Der Leitgedanke der Prävention hatte für Gennat eine ordnungspolitische Dimension, denn: „der angestrebte Zweck der Verhütung von Kapitalverbrechen kann erreicht werden: 1. durch entsprechende Aufklärung des Publikums [...] [und] 2. durch systematische Beobachtung aller Personen, von denen entsprechende Taten zu befürchten sind.“

Folgt man Fritz Langs Kommentar zur Uraufführung seines Films, so wird deutlich, dass er M explizit als ebendieses ordnungspolitische Paradigma versteht: „Die Gefahren, die durch eine ständig wachsende Kriminalität für die Allgemeinheit und ganz besonders für Kinder und Jugendliche zur Drohung werden, und leider nur allzu oft zur Katastrophe, [...] schienen mir den Film der Tatsachenberichte vor eine Aufgabe zu stellen, die ihn über die Aufgabe der künstlerischen Reproduktion von Geschehnissen hinauswachsen läßt: zu der Aufgabe, an wirklichen Geschehnissen eine Warnung, eine Aufklärung zu geben und dadurch schließlich vorbeugend zu wirken.“

Der leitende Kriminalrat Ernst Gennat ist mehr als die Vorlage einer Figur in Fritz Langs Film. Seine kriminologischen Veröffentlichungen lassen ihn wie den Drehbuchautor des Films erscheinen. Doch darf man bezweifeln, dass Gennat mit dem Film einverstanden gewesen war. Gennats statistische Untersuchungen von Kapitalverbrechen zwischen 1926 und 1932 weisen den Selbstmord als weitaus häufigsten Tötungsfall aus; in den deutlich meisten Mord- und Totschlagsdelikten dominiert das Motiv des persönlichen Vorteils, eines Vorteils, der finanzieller, wirtschaftlicher oder rein persönlicher Natur sein konnte; sexuell motivierte Triebtaten fallen prozentual dagegen deutlich ab. Vor diesem Hintergrund erscheint Langs „Tatsachenfilm“ eben nicht dokumentarisch, sondern suggestiv – ein Film, der nicht aufklärt, sondern Öl ins Feuer öffentlicher ordnungs-politischer Hysterie gießt. Gennats Diktion ist sachlich, nüchtern, genau, gewissenhaft, skrupulös, unparteilich und damit im besten Sinn aufklärerisch; Langs Film spricht trotz des sachlichen und dokumentarischen Gestus die Sprache der populistischen Presse, des Kriminalfilms, ist „spannend, aufregend, sensationell“ - mit diesen Worten bringt der Zeitungsverkäufer zu Beginn des Films Frau Beckmann das aktuelle Abonnement.

Gennat war sich der Differenz bewusst, wenn er die tatsächliche Arbeit der Kriminalpolizei von den ästhetischen Strategien der kriminalistischen Fiktionen unterschied: „Würde die kriminalistische Ermittlungsarbeit so nüchtern dargestellt, wie sie vielfach – auch gerade auf dem Gebiet der Kapitalverbrechen – ist, so würde der Film, der Roman sehr bald langweilig werden. Sherlock Holmes will und soll nur spannend unterhalten – der Berufskriminalist hat demgegenüber das Fundament zu schaffen, das das richterliche Urteil tragen soll.“ Den vermutlich heftigsten Einwand aber hätte Gennat gegen den zweiten Erzählstrang des Films geäußert, gegen das Konzept einer Konkurrenz zwischen zwei verschiedenen ordnungspolitischen Mächten: In einer Dreieckskonstellation wird der Mörder von der rechtsstaatlich agierenden Polizei gesucht, deren Zentralfigur Lohmann ist, und zugleich von der in Ringvereinen organisierten und aus partialem, selbstgesetztem Recht handelnden Unterwelt gejagt, deren Schlüsselfigur der kalt-intelligente Verbrecher Schränker ist, sadistisch-elegant im Spiel Gustaf Gründgens‘. Während der Täter für die Polizei ein kranker Mensch ist, dessen Triebhaftigkeit seine Verantwortungsfähigkeit einschränkt, vor dem die Gesellschaft geschützt werden muss, der aber dennoch einen Anspruch auf ein rechtsstattliches Verfahren hat, ist der Täter für das kriminelle und asoziale Milieu keiner von ihnen, sondern eine „Bestie“, die „ausgerottet“, „unschädlich gemacht“ werden muss, weil sie die Symmetrie der sozialen Ordnungen von Ober- und Unterwelt aus dem Gleichgewicht bringt, solange sie lebt. Entscheidend ist, dass das netzartig die Stadt kontrollierende Verbrechersystem den Mörder fängt. Die rechtsstaatlich legitimierte und moderne Fahndung der Polizei ist ihm unterlegen. Sie „macht Pleite“. Denn dass die Polizei den Mörder am Ende festsetzen kann, verdankt sie der Moralität eines der Kriminellen, der dem Kommissar den Ort des Verbrechertribunals nennt. Der Triumph, den die Gesellschaft bedrohenden Täter gefangen zu haben, legitimiert die Methode der atavistischen Gegengesellschaft. Sie ist in Fritz Langs Film M von 1931 immer wieder als politische Prophetie gelesen worden, als präfaschistischer Horizont einer scheiternden Republik.

 

Epilog

Fritz Langs Film M implantiert 1931 in einen Körper der Demokratie ein totalitäres Geschwür, das zersetzt. Es wird triumphieren. Ernst Gennats Auffassung von einer modernen, rechtsstaatlichen Kriminalistik findet sich noch 1933 im „Handwörterbuch der Kriminologie“ und noch 1936 in mehreren Fortsetzungen der „Kriminalistischen Monatshefte. Zeitschrift für die gesamte kriminalistische Wissenschaft und Praxis“. – Im Körper der Diktatur nährt Gennat ungebeugt einen republikanischen Keim. Er wird abgetötet werden.

 

Literaturauswahl

Rolf Aurich, Wolfgang Jacobsen und Corneluis Schnauber (Hg.): Fritz Lang. Leben und Werk. Bilder und Dokumente. Berlin 2001.

Alfred Döblin. Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord(Berlin 1924, in der von Rudolf Leonhardt hg. Reihe Außenseiter der Gesellschaft). Olten 1992.

Ernst Gennat: Der Film im Dienste der Polizei. In: Handwörterbuch der Kriminologie. Berlin 1933.

Helmut Lethen: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt a. M. 1994.

Stephan Jankowski: „Warte, warte nur ein Weilchen...“. Die Diskussion um die Todesstrafe in Fritz Langs Film M. Marburg 2000.

Anton Kaes: M. London 2000.

Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. Frankfurt a. M. 1979.

Theodor Lessing: Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs (1925). In: Außenseiter der Gesellschaft, Bd. 6, hg. v. Rudolf Leonhardt. Berlin 1925.

Cesare Lombroso: L’Uomo delinquente (1876), dt. als: Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung (Hamburg 1889).

Francois Gayot de Pitaval: Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit, hg. v. Friedrich Schiller (1792—1795). 

Wolfgang Schäffner: Die Ordnung des Wahns. Zur Poetologie psychiatrischen Wissens bei Alfred Döblin. München 1995.

Friedrich Schiller: Der Verbrecher aus Infamie (später unter dem Titel: Der Verbrecher aus verlorener Ehre) (1786).

Claudia Schmölders und Sander Gilman (Hg.): Gesichter der Weimarer Republik. Eine physiognomische Kulturgeschichte. Köln 2000.

Ernst Seeger: Film als kriminelles Objekt. In: Handwörterbuch der Kriminologie. Berlin 1933.